Henning Stahlberg, Professor für Strukturbiologie am Biozentrum der Universität Basel

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Dr. Henning Stahlberg schätzt die Flexibilität und Vielfalt seines Berufs und lebt beides auch vor. Er studierte Physik, lehrt aber jetzt Biologie. Er baute sich eine erfolgreiche Arbeitsgruppe in Davis (Kalifornien) auf, forscht jetzt aber in Basel am Biozentrum. Er stellt bevorzugt Forschende ein, die über Wissen oder Know-how verfügen, das er selbst nicht hat und liebt die kulturelle Vielfalt in seiner Forschungsgruppe. Diversität bezüglich des wissenschaftlichen Hintergrunds ist in seinem Forschungsgebiet unerlässlich, denn um die Geheimnisse der Membranproteine unserer Zellen zu entschlüsseln, braucht es neue Methoden, die nur in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen erarbeitet werden können.

Vielfalt im Studium
In seiner Schulzeit entwickelte Henning Stahlberg noch kein besonderes Interesse für biologische Fragestellungen. Bio war in der Schule oft ausgefallen und mit der Gelegenheit das Fach abzuwählen, war für ihn dieses Thema erst einmal erledigt. Nach seinem Abitur in Bremen 1985 war für Stahlberg klar, dass er zurück in seine Geburtsstadt Berlin wollte. Er entschied sich für ein Physikstudium – vielleicht weil er bereits als Kind eine gewisse Bewunderung für Physik erlebt hatte. Denn sein Patentonkel, ein theoretischer Physiker, hatte ihm vorgelebt, wie man Pfeife rauchend, in der Sonne sitzend arbeiteten kann, indem man nachdenkt. Neben Physik studierte Stahlberg aber auch Mathematik, arbeitete als Programmierer und verdiente sich mit chemischen Rauchanalysen in einem Kraftwerk etwas dazu. In den Jahren in Berlin zwischen 1987 und 1992 probierte er vieles aus – nur nicht Biologie. Erst für seine Doktorarbeit kam er nach vielen Jahren wieder in Kontakt mit dem Fach, in dem er heute forscht und unterrichtet.

Französisch lernen
Nach seiner Diplomarbeit in Physik, bei der er elektronenmikroskopische Untersuchungen an magnetischen Metallschichten durchgeführt hatte, wechselte er für die Promotion 1992 nach Lausanne. Der Hauptgrund für eine französischsprachige Stadt war sein Wunsch ordentlich Französisch zu lernen. Zwar gab es zu dieser Zeit in Lausanne in der Physik keine Doktorandenstelle, aber in der Biologie wurde ein Physiker gesucht. Somit begann Stahlbergs Karriere als Biologe. Zwei Jahre lang fuhr er jeden Tag von Lausanne nach Genf, um dort bei Professor Ghosh Proteine zu reinigen und zu isolieren und in die Welt der Biochemie einzutauchen. Betreut wurde er in Lausanne unter anderem von Professor Dubochet, einem Experten für Elektronenmikroskopie und Erfinder der Kryo-Elektronenmikroskopie. Stahlberg erlernte diese Methode, mit der es möglich ist, Proteine in ihrer natürlichen Umgebung zu untersuchen. Auch Professor Andreas Engel vom Maurice Müller Institut des Biozentrums in Basel hatte Interesse an diesem Verfahren und holte sich 1997 mit Henning Stahlberg als Post-Doc einen Fachmann in sein Labor. Stahlberg etablierte daraufhin diese innovative Methode im Biozentrum und habilitierte 2002 in der Gruppe von Andreas Engel.

Nächtelange Vorbereitung
Immer tiefer in die Biologie tauchte Stahlberg 2003 für seine nächste Anstellung als Professor für Molekular- und Zellbiologie an der University of California Davis ein. Plötzlich musste er Grundvorlesungen für 200 Studierende in einem Fach halten, das er in der Oberstufe seiner Schullaufbahn abgewählt hatte. So stattete er sich mit den Standardwerken der Biologie aus und bereitete sich Abend für Abend auf seine Vorlesungen vor. „Das war eine harte Zeit, aber so habe ich mir mein biologisches Wissen erworben. Und inzwischen werde ich von meinen Kollegen auch als Biologe anerkannt“, berichtet er. Er lernte jedoch nicht nur für die Vorlesungen, er bat auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihn zu unterrichten und ihm sogar Hausaufgaben aufzugeben, wenn er eine neue Technik oder Methode erlernen wollte. „Ich stellte vor allem Post-Docs ein, die mir auf einem bestimmten Gebiet etwas beibringen konnten“, erinnert er sich. Stahlberg denkt gerne an diese intensiven sechs Jahre in Davis. Er hatte sich dort mit der Zeit ideale Forschungsbedingungen erschaffen und auch seine Familie fühlte sich in Kalifornien sehr wohl. 2009 erhielt Stahlberg jedoch ein Angebot für die Professur in Mikroskopie im Bereich Strukturbiologie und Biophysik am Biozentrum, sodass die Familie beschloss, in die Schweiz zurückzukehren. So konnte seine Frau auch wieder als Ärztin praktizieren und die Grosseltern im Tessin ihre Enkelkinder regelmässig sehen.

Neuanfang in bekannter Stadt
Obwohl Stahlberg während seiner PostDoc-Zeit sechs Jahre lang in Basel gelebt hatte, war es doch für ihn ein Neuanfang. Sein Lieblingsprojekt aus Davis, die Weiterentwicklung eines Scanning Transmission Elektronenmikroskops, das mit Phasenkontrast arbeitet und für das er enorme Unterstützung aus der Industrie bekommen hatte, konnte er hier nicht weiterverfolgen. Stattdessen begann er sich noch tiefer in die Struktur und Funktion der Membranproteine einzuarbeiten, um sie in ihrer natürlichen Umgebung zu untersuchen. In Basel ergaben sich neue Möglichkeiten für Zusammenarbeiten mit der Pharmaindustrie. Für die Suche nach neuen Medikamenten ist die von Stahlberg betriebene Grundlagenforschung wichtig, da Membranproteine eine entscheidende Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Krankheiten liefern. Daneben stimulieren auch die Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen vom Biozentrum, vom Department of Biosystems Science and Engineering und vom Friedrich Mischer Institut die Arbeit seiner inzwischen auf 35 Mitarbeitende angewachsenen Gruppe.

In seinem Team treffen sich Forschende zahlreicher Disziplinen wie Biologie, Physik, Ingenieurwissenschaften, Materialwissenschaften und Bildverarbeitung. „Unsere Fragestellungen sind zu komplex für die meisten Individuen, sodass wir im interdisziplinären Team die beste Chance haben sie anzugehen. Wir haben eine biologische Fragestellung mit medizinischen Anwendungen. Die Analyse erfolgt mit High-Tech-Geräten und die Auswertung mit komplexen Bildverarbeitungsprogrammen. Keiner allein kann all das überblicken“, kommentiert Stahlberg die Zusammensetzung seines Teams. Er selbst ist bei dieser Forschung vor allem dadurch motiviert, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. „Wir wurden schon einmal angefragt, unsere Forschung für die Rüstungsindustrie einzusetzen, aber das kommt selbst bei bester Bezahlung für mich nicht in Frage“, erzählt er.

Vielfältiger Traumberuf
Neben der Hoffnung, zu der Aufklärung von Krankheiten wie Alzheimer oder Parkison´s beitragen zu können, schätzt Stahlberg aber auch die Vielfältigkeit seines Berufes. Das Unterrichten von Studierenden oder die Zusammenarbeit mit guten Doktoranden und PostDocs bereitet ihm viel Vergnügen. Er versucht einmal wöchentlich einen Rundgang im Labor zu machen und dann mit jedem eine Stunde über Projekte und andere Dinge zu reden. Paper zu schreiben, Vorlesungen vor interessierten jungen Leuten zu halten und auch ab und zu ein bisschen Politik zu machen, sind andere Tätigkeiten, die das Ganze abrunden. Wenn er abends sein Labor verlässt, erwartet ihn das bunte Treiben der Familie. Da Stahlbergs Frau wieder als Ärztin in Teilzeit tätig ist, versucht er so gut es geht im Haushalt mitzuhelfen. Mit der Familie zu Abend essen, Hausaufgaben durchzusehen, Geschichten aus der Schule, vom Sport oder Musikunterricht anzuhören, die ganze Bande ins Bett zu bringen, oder mit dem Hund spazieren zu gehen – das sind die Beschäftigungen für die Stahlbergs an den meisten Abenden. Er geniesst diese Vielfältigkeit, aber sie lässt ihm kaum Zeit für Hobbys. So muss sein Cello, mit dem er in Lausanne im Symphonieorchester der EPFL spielte, wahrscheinlich noch ein paar weitere Jahre warten, bis es wieder etwas mehr gebraucht wird.