Exzellente Ausgangsposition für die Nanotechnologie – Interview mit Dr. Dieter Scholer

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Dieter Scholer ist Mediziner, hatte über zwei Jahrzehnte lang verschiedene Führungspositionen bei Ciba und Novartis inne, war dann beim Aufbau der Pharma Start-up Firma Speedel AG beteiligt und ist heute Mitglied zahlreicher Gremien und Kommissionen darunter dem Universitätsrat der Universität Basel. Seiner Meinung nach besitzt die Nordwestschweiz exzellente Startbedingungen um hier das international anerkannte Nanozentrum der Schweiz aufzubauen. Es gilt jetzt allerdings die gute Ausgangsposition weiter zu stärken, die für einen dauerhaften Erfolg notwendige Infrastruktur zu schaffen, Netzwerke und Allianzen weiter auszubauen und vor allem auch wissenschaftliche Erfolge in sinnvolle Anwendungen zu transferieren.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Nanowissenschaften in der heutigen Zeit?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Nanowissenschaften und Nanotechnologien Schlüsseltechnologien der heutigen Zeit sind. Es sind Querschnittstechnologien, die verschiedene Bereiche entscheidend beeinflussen und befruchten werden.

Welche Bereiche würden Sie dabei hervorheben?
Für mich als Mediziner sind es vor allem die Life Sciences und dabei insbesondere die Anwendungen der Nanotechnologien in der Medizin, mit denen ich mich besonders befasse und die in Basel ja auch stark vertreten sind. Dabei denke ich, dass Nanotechnologie vor allem in der Diagnostik neue Standards bezüglich Sensitivität und Spezifität setzen wird. Zudem werden wir dank neuen Erkenntnissen in den Nanowissenschaften auch neue Ansätze in Diagnose und Therapie erleben. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, von denen wir heute schon profitieren: Dank der Nanotechnologie haben wir neue Erkenntnisse erlangt beim molekularen und sub-molekularen Verständnis von biologischen Strukturen, beispielsweise Gewebe-Oberflächen, Membranen und Ionenkanälen. Neue Abbildungsmethoden haben dazu beigetragen, dass wir erste morphologische Veränderungen bereits feststellen, bevor klinische Symptome auftreten. Zudem öffnen sich neue Entwicklungs- Möglichkeiten: neuartig (Bio-)Materialien, Biosensoren, und medizinische Geräte sind dank der Nanotechnologie in Entwicklung. Neue Wege können wir auch im Bereich der Darreichung von Medikamenten gehen; dank neuen Trägermolekülen lassen sich bestimmte Medikamente gezielter und nebenwirkungsärmer an den Wirkungsort transportieren. Irgendwann in der fernen Zukunft werden uns wahrscheinlich auch winzige Nanoroboter neue Erkenntnisse und Therapiemöglichkeiten liefern.

Welche Rolle spielt nun das SNI an der Universität in Basel bei der Entwicklung der Nanowissenschaften?
Das SNI und seine Vorgängerorganisation, der NFS Nanowissenschaften an der Universität Basel haben eine exzellente Position im Bereich der Nanowissenschaften erreicht. Schon vor vielen Jahren wurden vor allem im Departement für Physik die Grundlagen für ein Kompetenzzentrum Nanowissenschaften erarbeitet. Darauf aufbauend hat sich das SNI wissenschaftlich einen hervorragenden Ruf erworben und interdisziplinäre Zusammenarbeiten lanciert . Es ist zudem eingebettet in ein verzweigtes Netzwerk von lokalen und nationalen Forschungsorganisationen. Kurz, die Nanowissenschaften haben sich mittlerweile als wichtiger Schwerpunkt der Universität Basel etabliert. In diesem Zusammenhang verdanken wir auch ausdrücklich das Engagement des Kantons Aargau, der mit den gestifteten Argovia-Professuren und der Förderung von Forschungsprojekten sein Interesse an den Nanotechnologien unterstreicht. Vernetzung gibt es nicht nur innerhalb der Nordwestschweiz, sondern auch über die Landesgrenzen hinweg. Dass das SNI eine Schlüsselposition in den Nanowissenschaften einnimmt, zeigt auch der Nanostudiengang, der in Basel als erster Schweizer Universität etabliert wurde.

Mit besonderen Nanotech-Events möchte das SNI ja zu dieser von Ihnen geforderten Interaktion zwischen Wissenschaft und Industrie beitragen. Was halten Sie von diesen Veranstaltungen, bei denen wir Forschende mit Industrievertretern zusammen bringen?
Ich fand die Veranstaltungen, an denen ich bisher teilgenommen habe (teilnahm?), immer sehr gut. Das Programm war auf das Publikum zugeschnitten und auch professionell präsentiert. Vor allem konnte man immer den Enthusiasmus der Wissenschaftler spüren. Sie haben ihre Neugier auf neue Erkenntnisse vermittelt, neue Blickwinkel eröffnet und das aber immer auch mit einer kritischen Beurteilung verbunden. Für die Zukunft wünsche ich mir einzig, dass die Koordination mit den Veranstaltungen von i-net BASEL Nano und CLINAM optimiert wird.

Bei diesem notwendigen Wissenstransfer von Universität zur Industrie, was ist dabei die Hauptaufgabe der Universitäten? Sollen sie sich vor allem auf grundlagenwissenschaftliche Forschung beschränken oder sich mehr angewandten Projekten zuwenden?
Für mich ist es klar, dass die Universitäten in erster Linie Grundlagenwissenschaften betreiben sollten. Dabei ist es heutzutage wichtig, sowohl international wie auch interdisziplinär zu agieren. Aber auch der Grundlagenforschende sollte ein offenes Auge für mögliche Anwendungen haben, das Umfeld beobachten, einschätzen und offen sein für Entwicklungsperspektiven und gegebenenfalls Zusammenarbeiten mit der Industrie.

Allgemein müssen sich die Universitäten heute sicher mehr um Spitzenforschung und die Finanzierung ihrer Forschungsprojekte bemühen, als das früher der Fall war; sie sind gezwungen, ihre Konkurrenzfähigkeit bei der Bewerbung von Nationalfondsprojekten und Projekten Europäischer Forschungsorganisationen zu erkämpfen, durch Originalität, Qualität und kritische Ressourcen, und dies auch im internationalen Vergleich.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die optimale Zusammenarbeit zwischen Universität Basel, anderen Forschungsinstituten, wie FMI und Systembiologie, FNHW und Industrie. Wir haben ja in Basel das Privileg, Teil eines beinahe einmaligen Life Sciences Standortes zu sein, mit beträchtlichen Synergiemöglichkeiten zwischen Grundlagenforschung und zielgerichteter Forschung & Entwicklung. Bei klarer Definition der Interessen und der einzubringenden Expertise – und Wahrung der institutionellen und individuellen Unabhängigkeit – werden alle Partner einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn aus Zusammenarbeiten ziehen und damit neues Wissen beschleunigt in Anwendung umsetzen können. Die Beziehung zwischen Industrie und Universität hat in Basel Tradition, muss jedoch angesichts der Internationalisierung der Firmen sorgfältig aufgebaut und gepflegt werden. Früher waren z.Bsp. im Management der Pharma-Firma mehrere Forscher und Leiter tätig, die eine angestammte Bindung zur Uni Basel hatten und für die die Zusammenarbeit mit der Uni selbstverständlich war. Heute sieht das oft anders aus und die Uni muss sich aktiver um interessante Zusammenarbeitsprojekte und deren finanzielle Unterstützung bemühen.

Das von Ihnen vorher erwähnte Stichwort „Interdisziplinärität“ führt uns direkt zum Nanostudium an der Universität Basel? Was ist Ihre Meinung zu diesem Curriculum?
Meine Meinung ist, dass die Universität Basel mit der Schaffung des Nanostudiums hervorragende Arbeit geleistet hat. Ich kann zwar nicht beurteilen, welche erhöhten Berufschancen die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt haben, aber es ist heutzutage sehr wichtig, frühzeitig interdisziplinär zu lernen, zu denken und zu arbeiten. Die Tiefe jedes Wissenschaftszweiges muss selbstverständlich gewahrt bleiben, aber es ist hilfreich und sinnvoll, wenn schon die universitäre Ausbildung den Ansatz zu Interdisziplinarität liefert. Ich selbst habe mich Mitte der 70 Jahre ganz bewusst für eine Laufbahn in der Pharmaforschung entschieden, da dort bereits damals interdisziplinär gearbeitet wurde. Es ist ein Fortschritt der Universitäten, dass die Schranken zwischen Departementen und Fakultäten in den letzten Jahren zunehmend aufgebrochen wurden und heute Interdisziplinarität auch an den hiesigen Universitäten vermehrt existiert.

Soll das SNI Ihrer Meinung nach für alle Fragen, die Nanowissenschaften und Nanotechnologie betreffen, Ansprechpartner für Medien und Öffentlichkeit werden? Oder sollen wir uns eher auf die Forschungsthemen konzentrieren, die am SNI bearbeitet werden?
Das SNI kann natürlich nicht auf jede Frage betreffend Nanotechnologie umfassende Antworten parat haben. Jedoch sollten die Kommunikationsverantwortlichen einen guten Link zu den Schlüsselpersonen der verschiedenen Bereiche (z.B Ethik, Toxikologie, Medizin) haben, damit Fragende zumindest weitergeleitet werden können. Auch hier sehe ich eine sinnvolle Zusammenarbeit innerhalb der Universität Basel, mit „i-net BASEL Nano“, den Fachhochschulen und anderen Universitäten.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung ?
Die Voraussetzungen für die weitere Entwicklung der Nanowissenschaften in der Nordwestschweiz sind ausgezeichnet. Es ist aber jetzt wichtig, dass sich die Nano-Wissenschaften weiter entwickeln können. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, damit wir das Potenzial der Nanowissenschaften hier in der Region, und in der Schweiz generell, voll nutzen können. Der Transfer grundlagenwissenschaftlicher Erkenntnisse in industrielle Anwendungen – das ist die Herausforderung, die ich sehe. Eine wichtige Funktion schreibe ich dabei Wissens-Technologie-Transfer – Organisationen zu, wie z.B „i-net BASEL Nano“, einer Plattform, die gezielt für die Innovationsförderung im Nanobereich geschaffen wurde. Auch die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) spielt im Wissens-Technologie-Transfer eine unterstützende Rolle. Problematisch ist aber nach wie vor die Finanzierung von Wissenschaftstransfer-Projekten.

Neben der günstigen Ausgangslage braucht es für den anhaltenden Erfolg natürlich auch Visionen und Leadership. Auch hier sehe ich die Ausgangslage für die Nanowissenschaften in Basel positiv, denn bereits in den vergangenen Jahren wurde die Rolle der Nanowissenschaften an der Universität und im Life Sciences Cluster Basel klar herausgestellt und in verschiedenen Strategiepapieren hervorgehoben. Im medizinischen Bereich wirkt die in Basel gegründete European Foundation for Clinical Nanomedicine (CLINAM), und evaluiert den Stand des Wissens an ihrer jährlichen Tagung mit internationalen Forschern.

Entscheidend bleibt letztendlich, dass die Region Basel talentierte und kreative Forscher anziehen kann, die Kräfte der verschiedenen Institutionen sinnvoll bündelt, sich auf relevante Fragestellungen und Projekte konzentriert, und sich gegen die nationale und internationale Konkurrenz behaupten kann.